Die Zustimmungswerte des russischen Präsidenten Wladimir Putin sind in den vergangenen sieben Wochen kontinuierlich gesunken. Das staatliche Umfrageinstitut Wziom, das traditionell die offiziellen Popularitätszahlen des Kremls liefert, stellte nach dem 24. April die Veröffentlichung der Daten vorübergehend ein. Offiziell hieß es, man überarbeite die Methodik. Doch Analysten und Oppositionspolitiker vermuten einen anderen Grund: Die anhaltende Talfahrt der Umfragewerte dürfte dem Kreml peinlich geworden sein.
Die Entwicklung der Zustimmungswerte
Laut den bis zum 24. April veröffentlichten Daten lag Putins Zustimmung bei rund 78 Prozent – ein Rückgang um etwa sechs Prozentpunkte gegenüber dem Höchststand Anfang März. Damals hatte die Annexion der Krim 2014 und der darauffolgende Nationalismusrausch die Popularität auf über 86 Prozent getrieben. Seitdem zeigt der Trend jedoch nach unten. Die wirtschaftlichen Sanktionen des Westens, die Inflation und die steigenden Lebenshaltungskosten belasten die russische Bevölkerung. Der Ukraine-Krieg, der ursprünglich als kurzer Feldzug geplant war, zieht sich hin und fordert hohe Opferzahlen. Diese Faktoren haben das Vertrauen in die Regierung geschwächt.
Mögliche Gründe für die sinkende Popularität
Experten führen den Rückgang auf mehrere Faktoren zurück. Erstens: Die wirtschaftliche Lage in Russland hat sich seit Kriegsbeginn drastisch verschlechtert. Die Rubel-Abwertung, die Abkopplung vom internationalen Finanzsystem und die Abwanderung westlicher Unternehmen haben zu einem Einbruch des Konsums geführt. Zweitens: Die Kriegspropaganda verliert an Wirkung. Zwar kontrolliert der Kreml die meisten Medien, doch alternative Nachrichtenquellen wie Telegram-Kanäle verbreiten zunehmend kritische Berichte über die tatsächliche Lage an der Front. Drittens: Die Mobilisierung von Reservisten im Herbst 2022 sorgte für Unmut in vielen Familien. Auch die Flucht Hunderttausender junger Männer ins Ausland zeigt, dass nicht alle Russen bereit sind, für den Krieg zu sterben.
Die Rolle von Wziom
Das staatliche Umfrageinstitut Wziom (Allrussisches Zentrum für das Studium der öffentlichen Meinung) ist das wichtigste Instrument des Kremls zur Messung der öffentlichen Stimmung. Es wurde 1987 gegründet und arbeitet eng mit der Regierung zusammen. In der Vergangenheit wurden Umfrageergebnisse mehrfach manipuliert oder zurückgehalten, wenn sie nicht ins Bild passten. Die Aussetzung der Veröffentlichung ist ein alarmierendes Signal. Sie deutet darauf hin, dass die tatsächliche Popularität Putins noch niedriger sein könnte als veröffentlicht. Unabhängige Meinungsforscher wie das Lewada-Zentrum, das als „ausländischer Agent“ eingestuft wurde, messen Putins Zustimmung nur noch bei etwa 70 Prozent – ein historischer Tiefstand seit seinem ersten Amt als Präsident im Jahr 2000.
Mögliche Folgen für das Regime
Sinkende Popularität bedeutet nicht automatisch den Sturz eines autoritären Führers. Doch in Russland hat die Person Putin eine zentrale Rolle im Machtgefüge. Er ist nicht nur Präsident, sondern auch Garant der Stabilität und Patron der Eliten. Wenn seine Zustimmung bröckelt, könnte das interne Rivalitäten auslösen. „Das könnte zum Trigger für einen Kampf im Machtapparat werden“, warnen Politologen. Die verschiedenen Fraktionen – Sicherheitsapparat, Militär, Oligarchen, Regionalgouverneure – könnten beginnen, ihre eigenen Positionen zu stärken. Bisher hat Putin seine Herrschaft geschickt darauf ausgelegt, dass alle Gruppen von ihm abhängig sind. Doch ein schwächerer Putin könnte die Balance stören.
Historische Parallelen
Ein Blick in die russische Geschichte zeigt, dass sinkende Popularität oft mit inneren Unruhen einherging. Unter Zar Nikolaus II. führte die Unzufriedenheit in der Bevölkerung zur Revolution von 1905 und schließlich zur Abdankung 1917. Auch die Perestroika unter Michail Gorbatschow begann mit wirtschaftlichen Problemen und sinkender Zustimmung – und endete mit dem Zerfall der Sowjetunion. Putin selbst hat mehrfach betont, dass er einen ähnlichen Zerfall verhindern will. Doch seine Politik der Unterdrückung jeder Opposition könnte genau das Gegenteil bewirken. Die Eliten spüren, dass das System verletzlich ist, und manche mögen beginnen, nach Alternativen zu suchen.
Die Taktik des Kremls: Ablenkung und Repression
Um der sinkenden Popularität entgegenzuwirken, setzt der Kreml auf eine Mischung aus Ablenkung und Repression. Medien werden weiterhin gleichgeschaltet, kritische Stimmen mundtot gemacht. Gleichzeitig wird die Propaganda verstärkt: Der Krieg in der Ukraine wird als existenzieller Kampf gegen den Westen dargestellt. Neue patriotische Kampagnen, die an den Zweiten Weltkrieg erinnern, sollen die nationale Einheit stärken. Zudem werden soziale Leistungen ausgebaut, etwa Rentenerhöhungen oder Subventionen für Familien mit Kindern. Doch diese Maßnahmen haben ihren Preis – die Staatskasse ist durch die Kriegsausgaben und Sanktionen stark belastet. Die Frage ist, wie lange der Kreml diese Politik durchhalten kann, ohne die Wirtschaft vollständig zu ruinieren.
Die Reaktion der Bevölkerung
Trotz der Kontrolle des Informationsraums gibt es Anzeichen für wachsende Unzufriedenheit in der russischen Gesellschaft. In sozialen Netzwerken, die noch nicht vollständig blockiert sind, mehren sich kritische Kommentare. Einige Regionen melden lokale Proteste, etwa gegen die Zwangsrekrutierung oder steigende Preise. Allerdings ist die Protestbereitschaft gering – die Angst vor Repression sitzt tief. Die meisten Russen verhalten sich passiv und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Sie ziehen sich ins Private zurück, konsumieren Unterhaltung und vermeiden politische Diskussionen. Diese Apathie ist für das Regime berechenbar und damit weniger gefährlich als aktiver Widerstand. Doch sie kann kippen, sobald die wirtschaftliche Not drückender wird.
Internationale Perspektive
Die sinkende Popularität Putins wird auch im Ausland aufmerksam beobachtet. Die Ukraine hofft, dass innere Spannungen in Russland den Druck auf Moskau erhöhen. Westliche Geheimdienste analysieren die Entwicklungen – sie sehen Anzeichen für eine wachsende Kluft zwischen Militär und politischer Führung, insbesondere nach dem gescheiterten Aufstand der Wagner-Gruppe im Juni 2023, der erst einen Monat nach dem hier beschriebenen Stopp der Wziom-Daten stattfand. Die Vereinigten Staaten und die EU haben ihre Sanktionen verschärft, um die russische Wirtschaft weiter zu schwächen. China hingegen beteuert weiterhin die strategische Partnerschaft mit Russland, beobachtet aber die innenpolitische Lage genau. Ein instabiles Russland wäre auch für Peking ein Risiko.
Zukunftsaussichten
Es ist schwer vorherzusagen, wie sich Putins Popularität weiterentwickeln wird. Der Kreml wird alles tun, um sie zu stabilisieren oder zumindest den Eindruck von Stabilität aufrechtzuerhalten. Die baldige Veröffentlichung der Wziom-Daten – möglicherweise mit neu berechneten Werten, die wieder steigende Zustimmung zeigen – gilt als wahrscheinlich. Doch die tatsächliche Stimmung in der Bevölkerung lässt sich nicht unbegrenzt verschleiern. Wenn der Krieg weiterhin militärische Rückschläge bringt und die Wirtschaft in eine tiefe Rezession abrutscht, könnte der Druck auf Putin von innen zunehmen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob der russische Präsident seine Position behaupten kann oder ob die Risse im Machtapparat größer werden. Bislang hat Putin jede Krise mit Härte und taktischem Geschick gemeistert. Doch die aktuelle Situation ist komplexer – sie vereint militärische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen. Die Stopp der Umfrageveröffentlichung ist nur ein Indikator unter vielen, aber er gibt einen Hinweis darauf, dass die Führung nervös wird.
Der Rückgang der Popularität ist Teil eines größeren Trends, der weit vor dem Ukraine-Krieg begann. Bereits 2018 zeigten unabhängige Umfragen eine leichte Erosion der Zustimmung, vor allem nach der umstrittenen Rentenreform. Die Pandemie und die Wirtschaftskrise 2020 verschärften die Lage. Der Krieg brachte zunächst einen kurzen Patriotismus-Effekt, der aber schnell verpuffte. Viele Russen sehen mittlerweile die Sinnlosigkeit des Krieges, wagen aber nicht, dies laut zu sagen. Die Elite ist gespalten: Einige profitieren vom Krieg, andere leiden unter den Sanktionen. Diese interne Spannung könnte sich entladen, sobald die Kontrolle nachlässt. Putin bleibt der zentrale Entscheider, aber sein Handlungsspielraum schrumpft. Der Stopp der Wziom-Daten ist ein Warnsignal – nicht nur für die russische Führung, sondern für die gesamte internationale Gemeinschaft, die auf Zeichen einer möglichen Destabilisierung achten sollte.
Source: Tagesspiegel News