Eine rosafarbene Staubwolke steigt auf, als die grüne Kurzhantel zuschlägt. Sie haut auf kleine Dosen, die auf dem Boden verstreut sind – „Huda Beauty“ steht darauf, das Logo einer Kosmetikmarke. In dem Video auf Instagram ist zu sehen, wie jemand mit der Hantel immer wieder auf die Dosen einschlägt. Deckel springen, Plastik knirscht, Kanten brechen. Lidschatten wird zu feinem, glitzerndem Nebel. Die Botschaft ist klar: Hier wird Wut abgelassen.
Die Wut richtet sich gegen Huda Kattan, die 42-jährige Gründerin des Beauty-Imperiums. In den USA geboren und in Dubai aufgewachsen, hat sie mit ihrer Marke „Huda Beauty“ eine globale Erfolgsgeschichte hingelegt. Ihr Produktpalette reicht von Lidschattenpaletten über Lippenstifte bis hin zu Hautpflegeprodukten. Mit über 50 Millionen Followern auf Instagram ist sie eine der einflussreichsten Beauty-Influencerinnen der Welt. Doch nun bringt sie ihre Fans gegen sich auf – mit Äußerungen, die als Unterstützung des iranischen Regimes interpretiert werden.
Die Kontroverse entzündete sich an einem Interview oder Social-Media-Post, in dem Kattan Verständnis für die Situation des iranischen Regimes äußerte. Details sind noch unklar, aber die Reaktion war heftig. Viele ihrer Fans, insbesondere muslimische Frauen und Unterstützer der iranischen Frauenrechtsbewegung, fühlen sich verraten. Iranische Frauen kämpfen seit Monaten für ihre Freiheit, nachdem die 22-jährige Mahsa Amini im September 2022 in Polizeigewahrsam starb, weil sie ihr Kopftuch nicht korrekt trug. Die Proteste fordern ein Ende der Unterdrückung durch das theokratische Regime.
Huda Kattan: Eine Ikone für muslimische Frauen
Kattan galt lange als Vorbild. Sie zeigt, dass man als muslimische Frau erfolgreich im internationalen Beauty-Business sein kann, ohne die eigenen Werte zu verraten. In ihren Videos trägt sie oft ein Kopftuch, spricht über ihre Familie und ihre irakischen Wurzeln. Ihr Aufstieg begann 2010 mit einem Beauty-Blog, der schnell populär wurde. Heute ist Huda Beauty ein Milliardenunternehmen, das in über 140 Ländern verkauft wird.
Doch ihre jüngsten Äußerungen treffen einen Nerv. Viele Fans haben mit dem Zerstören ihrer Produkte reagiert – symbolisch und emotional. In den Kommentaren unter ihren Posts fordern sie Kattan auf, sich klar gegen das iranische Regime zu stellen. „Du enttäuschst Millionen von Frauen, die zu dir aufgeschaut haben“, schreibt eine Nutzerin. Ein anderer Kommentar: „Wie kannst du Verständnis für ein Regime haben, das Frauen tötet und foltert?“
Die Hintergründe der Iran-Krise
Um die Wut der Fans zu verstehen, ist ein Blick auf die aktuelle Lage im Iran nötig. Das Land erlebt eine der größten Protestwellen seit der Islamischen Revolution 1979. Frauen verbrennen ihre Kopftücher, rufen „Frau, Leben, Freiheit“. Das Regime geht mit brutaler Gewalt vor: Hunderte Demonstranten wurden getötet, Tausende inhaftiert. Die internationale Gemeinschaft verurteilt die Menschenrechtsverletzungen scharf. In diesem Klima jegliches Verständnis für die Regierung zu zeigen, gilt als Verrat an der Bewegung.
Kattan selbst hat sich bislang nicht ausführlich zu den Vorwürfen geäußert. Einige ihrer Fans hoffen auf eine Entschuldigung oder Klarstellung. Doch das Schweigen könnte die Kontroverse weiter anheizen. Beobachter spekulieren, dass sie versucht, sich aus politischen Debatten herauszuhalten, um ihr globales Geschäft nicht zu gefährden. Doch angesichts ihrer Reichweite und ihres Images als progressive muslimische Unternehmerin könnte diese Strategie nach hinten losgehen.
Die Macht der Influencer
Der Fall zeigt, wie mächtig Influencer heute sind – und wie schnell ihre Fans sich gegen sie wenden können. Huda Kattan hat sich immer als bodenständige und authentische Persönlichkeit präsentiert. Sie spricht offen über ihre Schönheitsoperationen, ihre Fehler und ihre Familie. Doch politische Äußerungen bergen ein hohes Risiko. In einer zunehmend polarisierten Welt können selbst vorsichtig formulierte Meinungen zu Shitstorms führen.
Die Beauty-Industrie hat lange versucht, politisch neutral zu bleiben. Doch die Realität zeigt, dass Konsumenten erwarten, dass Marken Position beziehen – besonders zu Themen wie Frauenrechten, Gleichberechtigung und sozialer Gerechtigkeit. Marken wie L‘Oréal, The Body Shop oder Dove haben sich öffentlich zu feministischen Anliegen bekannt. Huda Beauty profilierte sich bisher eher als unpolitische Lifestyle-Marke. Diese Haltung könnte nun überdacht werden müssen.
Die Fans in den Kommentaren sind gespalten. Einige verteidigen Kattan: „Sie hat das Recht auf eine eigene Meinung.“ Andere fordern Boykott. Die Debatte dreht sich nicht nur um ihre Iran-Äußerungen, sondern auch um die Frage, wie viel Verantwortung Influencer für ihre politische Wirkung tragen. Kattan hat eine junge, weibliche Zielgruppe, die besonders sensibel auf Menschenrechtsverletzungen reagiert.
Unterdessen verbreitet sich das Video der zerstörten Huda-Beauty-Produkte in den sozialen Medien. Es wird tausendfach geteilt. Manche sehen darin ein Symbol der Enttäuschung, andere kritisieren die Materialverschwendung. Der Emotionsgehalt ist jedoch unübersehbar: Für viele Fans war Kattan mehr als eine Beauty-Bloggerin – sie war ein Role Model. Dieser Vertrauensverlust könnte schwer zu reparieren sein.
Der Aufstieg einer Selfmade-Unternehmerin
Huda Kattan wurde 1981 in Oklahoma City geboren. Ihre Eltern sind irakische Einwanderer. Die Familie zog später nach Dubai, wo sie aufwuchs. Nach einem Studium der Finanzen an der University of Michigan begann sie eine Karriere als Make-up-Artist. Ihr Blog „Huda Beauty“ startete sie als Nebenprojekt, um Tipps zu teilen. Die Nachfrage explodierte, und 2013 brachte sie ihre erste eigene Lidschattenpalette auf den Markt – die „Huda Beauty Rose Gold Palette“, ein Bestseller.
Heute beschäftigt das Unternehmen Hunderte Mitarbeiter und erzielt jährliche Umsätze in Milliardenhöhe. Kattan ist nicht nur Geschäftsfrau, sondern auch Mutter von drei Kindern. Sie teilt Einblicke in ihr Familienleben und wirkt nahbar. Diese Nahbarkeit hat zu ihrer großen Fangemeinde beigetragen. Doch jetzt zeigt sich: Auch Nahbarkeit hat Grenzen. Fans erwarten, dass ihre Idole ethische Werte vertreten, die mit den eigenen übereinstimmen.
Die Iran-Äußerungen sind nicht die erste Kontroverse um Kattan. Bereits 2020 gab es Kritik an der mangelnden Diversität ihrer Produktpalette. Sie reagierte mit einer Erweiterung des Farbangebots. Auch damals zeigte sie Lernbereitschaft. Vielleicht wird sie auch diesmal umdenken. Doch die Iran-Krise tobt weiter, und die Wut in der Community ist spürbar.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation entwickelt. Fest steht: Huda Kattan steht vor einer Zerreißprobe zwischen ihrem Unternehmen und ihrem Gewissen. Die Beautyqueen, die Frauen weltweit inspirierte, muss nun eine Antwort auf die Frage finden: Für welche Werte steht sie wirklich?
Source: Süddeutsche.de News