Andrew Tate ist einer der umstrittensten Influencer der Gegenwart. Der 36-jährige Brite posiert auf Social Media mit schnellen Autos, dicken Zigarren und stapelweise Bargeld. Seine Kernbotschaft: Frauen seien minderwertig, Männer müssten dominieren. Seine frauenverachtenden und homophoben Sprüche stoßen viele ab. Gleichzeitig bekommt er für seinen exzessiven Lifestyle Applaus – vor allem von jungen Männern. In Großbritannien ist der Einfluss so groß, dass Schulen koordiniert gegen die Verbreitung seiner Ideen vorgehen. In der Schweiz ist das Phänomen noch nicht flächendeckend angekommen, aber erste Lehrer berichten von Faszination unter Schülern.
Wer ist Andrew Tate?
Andrew Tate wurde 1986 in Washington D.C. geboren, wuchs aber in Großbritannien auf. Seine Karriere begann er als Kickboxer: Mehrere Weltmeistertitel im Vollkontakt-Kickboxen machten ihn bekannt. Später wandte er sich dem Unternehmertum zu, gründete Casinos und Online-Kurse zur Selbstoptimierung. Mit provokativen Aussagen über Frauen, Homosexuelle und Migranten erlangte er auf Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube Millionen von Followern. Seine Videos – oft kurz, aggressiv geschnitten und mit teuren Autos als Bühne – verbreiten sich viral. Wegen Verstößen gegen die Richtlinien gegen Hassrede und sexuelle Belästigung wurde er auf mehreren Plattformen gesperrt, aber seine Anhängerschaft ist treu geblieben.
Im Dezember 2022 wurde Tate in Rumänien verhaftet – zusammen mit seinem Bruder Tristan und zwei weiteren Personen. Die rumänische Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, mehrere Frauen durch Vorspiegelung von Beziehungen zur Prostitution gezwungen zu haben. Tate bestreitet die Vorwürfe. Die Untersuchungshaft wurde mehrfach verlängert, eine Anklage bisher nicht erhoben. Der Fall sorgt international für Schlagzeilen, nicht zuletzt, weil Tate während der Haft weiterhin Inhalte aus dem Gefängnis heraus veröffentlichte.
Die Faszination für junge Männer
Die Anziehungskraft von Andrew Tate lässt sich nicht allein mit Sexismus oder Chauvinismus erklären. Daniel Gebauer, Lehrer an einer Oberstufe im Kanton Bern, hat das Phänomen in seinen Klassen beobachtet. Als er das Thema ansprach, gingen bei der Hälfte der Schüler die Hände hoch: Sie kannten den Influencer. „Ich war überrascht, wie präsent er ist“, sagt Gebauer im Gespräch. Die Jugendlichen wüssten zwar, dass Tate umstritten ist und die Vorwürfe gegen ihn kennen. „Sie finden seine Frauenverachtung daneben, auch Homophobie und Rassismus lehnen sie ab. Aber die Art, wie er auftritt, imponiert ihnen.“
Was fasziniert dann? Gebauer beschreibt eine „coole Kaltschnäuzigkeit“: Tate sagt, was er denkt, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit oder gesellschaftliche Normen. In einer Zeit, in der Jugendliche von allen Seiten mit Geboten und Verboten konfrontiert werden – wie man sich zu verhalten hat, was man sagen darf – wirkt diese Unerschütterlichkeit befreiend. „Sie suchen nach Orientierung in einer Welt, die sie mit ständig neuen Geschlechterrollen und Erwartungen überflutet. Tate bietet eine einfache Antwort: Starke Männer bestimmen die Regeln.“
Die Krise der Männlichkeit
Hinter der Faszination für Tate steht ein größeres Phänomen: die Suche nach einem neuen Männlichkeitsbild. Traditionelle Rollen – der Ernährer, der Beschützer, der starke, schweigsame Mann – sind in der modernen Gesellschaft brüchig geworden. Junge Männer sehen sich mit widersprüchlichen Anforderungen konfrontiert. Einerseits sollen sie einfühlsam und emotional intelligent sein, andererseits wird von ihnen Durchsetzungsfähigkeit und Erfolg erwartet. In dieser Unsicherheit greifen manche nach einfachen Identitätsangeboten. Andrew Tate ist ein solches Angebot: Er propagiert eine ultra-maskuline Welt, in der Männer Jagd auf Frauen machen, Geld anhäufen und sich keine Schwäche erlauben. „Das Verbotene oder gesellschaftlich Verpönte hat immer einen Reiz“, sagt Lehrer Gebauer. „Wenn man jungen Männern sagt: Du darfst nicht sexistisch sein, dann wird die sexistische Alternative plötzlich interessant.“
Reaktionen auf Tate: Grossbritannien vs. Schweiz
In Grossbritannien hat die Verbreitung von Tates Ideen an Schulen ein Ausmass erreicht, das Behörden zum Handeln zwingt. Die britische Regierung startete eine Kampagne mit dem Titel „Everyone's Invited“, die sexuelle Belästigung und frauenfeindliche Einstellungen an Schulen bekämpfen soll. Mehrere Schulen berichten, dass Schüler Tates Aussagen über Frauen und sexuelle Gewalt nachplappern. Die Bildungsbehörden fordern Lehrer auf, aktiv gegen den Einfluss des Influencers vorzugehen. In der Schweiz hingegen ist der Druck noch geringer. Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer (LCH) bestätigt auf Anfrage, dass derzeit keine gezielten Aufklärungsmassnahmen geplant seien. „Wir würden tätig werden, wenn der Einfluss von Andrew Tate an unseren Schulen problematische Dimensionen annimmt“, heisst es beim Verband. Bisher sei das nicht der Fall.
Ein Lehrer plädiert für Verständnis
Daniel Gebauer hält wenig von Sperrungen und Verboten. „Wenn wir einfach die Accounts löschen, verschwindet das Problem nicht. Die Jugendlichen finden dann andere Wege, an diese Inhalte zu kommen. Oder sie suchen sich einen neuen Helden.“ Stattdessen plädiert er für mehr Dialog. „Wir müssen uns die Mühe machen, zu verstehen, was sie an Tate reizt. Nicht alles gleich moralisch abwerten, sondern nachfragen: Was genau gefällt dir daran? Welche Sätze findest du cool? Das öffnet die Tür für echte Diskussionen.“ Er selbst habe in seinen Klassen gute Erfahrungen gemacht, wenn er die kontroversen Themen offen anspreche. „Die Jugendlichen sind durchaus reflektiert – sie wissen, dass Tate fragwürdig ist. Aber sie wollen nicht bevormundet werden. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir ihre Suche ernst nehmen.“
Herausforderungen für die Schule
Die Schule steht vor einer schwierigen Aufgabe. Einerseits soll sie demokratische Werte und Respekt vermitteln, andererseits die Meinungsfreiheit achten. Gerade bei einem polarisierenden Thema wie Andrew Tate müssen Lehrkräfte eine Balance finden. Gebauer betont, dass es nicht darum gehe, Tate zu verteidigen oder zu verharmlosen. „Es geht darum, den Jugendlichen einen Raum zu geben, in dem sie ihre Fragen stellen können. Ohne sofortige Verurteilung. Dann kann man auch die Widersprüche aufzeigen: Der Luxus von Tate kommt nicht von ungefähr – er finanziert sich durch Abos und Kurse, die vor allem junge Männer in finanzielle Abhängigkeit bringen. Das ist kein echter Erfolg, sondern eine Fassade.“
Der Fall in Rumänien
Während die Diskussion um Tates Einfluss weitergeht, läuft das juristische Verfahren in Rumänien. Im März 2023 entschied ein Gericht, Tate weiterhin in Untersuchungshaft zu belassen. Die Ermittler werfen ihm und seinem Bruder vor, ein Netzwerk zur sexuellen Ausbeutung von Frauen aufgebaut zu haben. Die Opfer seien durch Versprechungen von Beziehungen und Geld nach Rumänien gelockt und dann zur Prostitution gezwungen worden. Tate bezeichnet die Anschuldigungen als Teil einer politischen Verschwörung gegen ihn. Der Prozess könnte sich über Monate oder Jahre hinziehen. Solange bleibt Tate im Gefängnis – und produziert von dort weiter Inhalte, die seine Anhängerschaft erreichen. Seine Karriere hat die Haft bislang nicht beendet; im Gegenteil, sie hat seine Popularität noch gesteigert. Die Zahl seiner Follower stieg in den Monaten nach seiner Festnahme sogar an.
Die Rolle der sozialen Medien
Ohne die Algorithmen von TikTok & Co. wäre Andrew Tate nie so gross geworden. Die Plattformen belohnen polarisierende, emotionale Inhalte – und Tate liefert sie in Reinkultur. Seine Videos sind kurz, auf die Spitze getrieben und oft mit dramatischer Musik unterlegt. Sie bleiben hängen, auch wenn die Aussagen absurd oder gefährlich sind. Kritiker werfen den Technologiekonzernen vor, zu wenig gegen die Verbreitung von Frauenhass und Gewaltverherrlichung zu tun. Zwar wurden Tates Accounts mehrfach gesperrt, aber er taucht unter neuen Namen oder überlässt es seinen Fans, die Inhalte weiterzuverbreiten. So entzieht er sich der Moderation. „Die Plattformen spielen eine entscheidende Rolle“, sagt Medienwissenschaftlerin Nora Becker von der Universität Zürich. „Sie sind die Bühne, auf der solche Figuren inszeniert werden. Ohne ihre Reichweite wäre Tate ein Randphänomen geblieben.“
Hinzu kommt, dass Tates Botschaften in einem Umfeld wachsen, in dem viele Jugendliche ohnehin mit toxischer Maskulinität konfrontiert sind. In Kommentarspalten, in Gaming-Communitys und auf Reddit-Foren wird häufig ein rauer Ton gepflegt. Andrew Tate greift diese Stimmung auf und gibt ihr eine Stimme. Er behauptet, der Einzige zu sein, der die Wahrheit sagt – und das macht ihn für viele glaubwürdig, gerade weil er von den etablierten Medien und Institutionen abgelehnt wird.
Ein Blick in die Zukunft
Wie die Gesellschaft mit dem Phänomen Andrew Tate umgehen sollte, ist umstritten. Verbote und Accountsperren allein werden nicht reichen, da sind sich Experten einig. Prävention in Schulen, Medienkompetenz und ein offener Dialog mit Jugendlichen scheinen vielversprechender. Lehrer Gebauer bringt es auf den Punkt: „Wir müssen die jungen Männer ernst nehmen. Ihre Unsicherheiten, ihre Fragen. Wenn wir sie nur belehren, verlieren wir sie an Leute wie Tate. Aber wenn wir ihre Begeisterung verstehen, können wir ihnen alternative Wege aufzeigen.“