Indiens Premierminister Narendra Modi hat eindringlich vor einem weltweiten wirtschaftlichen Rückschlag und einer Rückkehr massiver Armut gewarnt. Bei einer Veranstaltung mit der indischen Gemeinschaft in Den Haag sagte er am Samstag, die Welt stehe vor neuen Herausforderungen. „Zuerst kam Corona, dann begannen Kriege, und jetzt gibt es eine Energiekrise. Dieses Jahrzehnt entwickelt sich zu einem Jahrzehnt der Katastrophen für die Welt“, sagte Modi auf Hindi laut Medienberichten. Werde nicht rasch gegengesteuert, würden die Errungenschaften vieler Jahrzehnte hinweggespült und ein großer Teil der Weltbevölkerung in Armut zurückfallen.
Modi äußerte sich während der zweiten Etappe seiner Reise durch fünf europäische Länder. Hintergrund seiner Warnung sind die anhaltenden Konflikte in Westasien, insbesondere nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran, sowie die daraus resultierende Energiekrise. Die Schließung der Straße von Hormus hat den globalen Ölmarkt schwer getroffen. Durch die Meerenge werden normalerweise rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels abgewickelt. Die Internationale Energieagentur spricht von der größten Versorgungsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarkts. Indien importiert 90 Prozent seines Öls und bezieht etwa die Hälfte seiner üblichen Rohöllieferungen über die Meerenge.
Appell zur Sparsamkeit und Preiserhöhung an Tankstellen
Bereits vor seiner Europareise hatte Modi in Hyderabad seine Landsleute zu freiwilligen Sparmaßnahmen aufgerufen. Wo immer möglich, solle von zu Hause gearbeitet, auf Auslandsreisen verzichtet und weniger Gold gekauft werden. Kraftstoffsparen und das Schonen von Devisenreserven bezeichnete er als „Patriotismus“. Die Regierungspartei BJP verteidigte die Erhöhung der Benzin- und Dieselpreise um drei Rupien pro Liter – erstmals seit vier Jahren – mit dem Hinweis, Indien habe seine Bürger länger als andere Staaten vor dem globalen Ölpreisschock geschützt. Die Opposition wies darauf hin, dass Modis Spar-Appell erst nach Abschluss wichtiger Regionalwahlen erfolgt sei.
In Neu-Delhi kostet Benzin nun 97,77 Rupien, Diesel 90,67 Rupien je Liter. Analysten erwarten Folgen für Haushaltsausgaben, Frachtraten und Fabrikpreise bis in den Sommer. Die Preiserhöhung trifft eine Bevölkerung, die ohnehin unter hoher Inflation leidet. Indien hat in den letzten Jahrzehnten beachtliche Erfolge bei der Armutsbekämpfung erzielt: Der Anteil der extrem armen Bevölkerung sank von rund 45 Prozent im Jahr 2005 auf unter 10 Prozent vor der Pandemie. Doch die Corona-Krise hatte bereits Millionen in die Armut zurückgeworfen, und die aktuelle Energiekrise droht diese Rückschläge zu verstärken.
Straße von Hormus im Zentrum der Krise
Die Blockade der Straße von Hormus hat nicht nur Indien, sondern die gesamte asiatische Region getroffen. Andere Staaten ergreifen drastische Maßnahmen: Die Philippinen riefen als erstes Land den nationalen Energienotstand aus, Südkorea empfahl kürzeres Duschen, Japan setzte die bislang größte Freigabe aus seinen strategischen Ölreserven in Gang. Die Internationale Energieagentur koordiniert Notfallfreigaben, aber die Märkte bleiben angespannt. Der Ölpreis ist auf über 150 Dollar pro Barrel gestiegen, was die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie gefährdet.
Modis Reise durch Europa – er besuchte unter anderem Deutschland, Frankreich und die Niederlande – diente auch dazu, Unterstützung für eine diplomatische Lösung der Krise zu gewinnen. In Den Haag traf er niederländische Regierungsvertreter und sprach vor der indischen Diaspora. Der Premier betonte die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit, um die Energiekrise zu bewältigen und die ärmsten Länder zu schützen. „Wir müssen die Lektionen aus der Pandemie nutzen, um jetzt entschlossen zu handeln“, sagte Modi.
Die indische Regierung hat mehrere Sofortmaßnahmen eingeleitet: Sie verhandelt mit Russland und anderen Ölförderländern über zusätzliche Lieferungen, baut strategische Reserven aus und fördert den Ausbau erneuerbarer Energien. Allerdings wird Indien noch auf Jahre hinaus stark von Ölimporten abhängig sein. Der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix soll bis 2030 auf 50 Prozent steigen, aber die Umstellung erfordert massive Investitionen.
Die Opposition in Indien kritisiert Modi, dass er die Krise nicht frühzeitig vorhergesehen habe. Die Regionalwahlen in mehreren Bundesstaaten, die kurz vor der Preiserhöhung stattfanden, hätten die Regierung veranlasst, unpopuläre Maßnahmen hinauszuzögern. Die wirtschaftlichen Folgen der Krise sind bereits sichtbar: Die Rupie verliert an Wert, die Inflationsrate steigt, und das Wirtschaftswachstum dürfte sich verlangsamen. Internationale Organisationen wie der IWF haben ihre Wachstumsprognosen für Indien bereits nach unten korrigiert.
Trotz der düsteren Aussichten bleibt Modi optimistisch, was die langfristigen Perspektiven Indiens angeht. In seiner Rede betonte er die Stärke der indischen Demokratie und die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung. Aber die unmittelbaren Herausforderungen sind gewaltig. Die Weltgemeinschaft muss schnell handeln, um eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden. Die Blockade der Straße von Hormus hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Folgen: Sie verschärft Spannungen zwischen den Großmächten und könnte zu weiteren Konflikten führen.
Indien versucht, eine Balance zu finden: Es pflegt enge Beziehungen zu den USA und Israel, ist aber auch auf Ölimporte aus dem Iran und anderen Golfstaaten angewiesen. Die Regierung in Neu-Delhi hat bisher eine neutrale Haltung im Iran-Krieg eingenommen, aber die Blockade zwingt sie zu einer stärkeren Positionierung. Analysten erwarten, dass Indien seine diplomatischen Kanäle nutzen wird, um auf eine Deeskalation hinzuwirken. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Krise entschärft werden kann oder ob sich die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen weiter verschärfen.
Source: Berliner Zeitung News