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Künstliche Intelligenz: Popmusik aus der Retorte

May 27, 2026  Twila Rosenbaum  44 views
Künstliche Intelligenz: Popmusik aus der Retorte

Wenn Musik, und vor allem die populäre, die Gesellschaft widerspiegelt, dann muss einem langsam angst und bange werden. Denn immer mehr Popmusik kommt offensichtlich aus der Retorte. Künstliche Intelligenz analysiert die erfolgreichen, zumeist erschreckend simplen Muster und kann so Hits am Fließband produzieren: Viervierteltakt, gleicher Beat, gleichbleibende Lautstärke, höchstens vier Harmonien, die sich in Endlosschleife wiederholen, dazu flacher Singsang mit dümmlichen Texten.

Was noch menschengemacht, was computergeneriert oder mit KI stark nachbearbeitet ist, ist kaum noch auszumachen. Da gibt es Musikvideos von Livekonzerten in großen Stadien, die nie stattgefunden haben und bei denen nur die surreale Bühnenshow mit unmöglichen Effekten verrät, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Umgebungen, Landschaften und Choreographien können täuschend echt simuliert werden. Bei der Wahrnehmung konzentriert sich ohnehin fast alles auf das Visuelle. Der akustische Eindruck, das Hören der Musik, ist Nebensache.

In der Eröffnungsshow zur Fußball-Weltmeisterschaft am 12. Juni in Los Angeles wird beispielsweise die thailändische Sängerin und Schauspielerin Lisa (oder wahlweise Lalisa) auftreten, bekannt als Mitglied der Girlgroup Blackpink, einer K-Pop-Band der dritten Generation. Sie produziert teils Musikvideos der beschriebenen Art mit enormen Reichweiten, was sich die FIFA nun zunutze macht. Ein Blackpink-Hit namens „Pink Venom“, der als Sprechgesang im Refrain die Zeile „La tatata, la tatata“ wiederholt, ist auf Youtube innerhalb von drei Jahren eine Milliarde Mal aufgerufen worden. Der Kanal der Band hat 101 Millionen Abonnenten.

Die Thais sind nun verständlicherweise stolz auf ihren Superstar. Klar ist aber auch, dass die „Musik“ und das Drumherum völlig austauschbar sind. Es ist alles eine Soße, international. Nur gibt der asiatische Musikmarkt wohl besonders viel her. Vergangen sind so die Zeiten, als der deutsche Musikproduzent Frank Farian die Welt noch mit Boney M. und Milli Vanilli täuschte.

Man ist ja schon froh, wenn nach deren Vorbild überhaupt noch jemand real auf der Bühne herumhampelt. Demnächst werden es womöglich Avatare sein, die uns das beglückende Tralala mit bunten Bildern liefern. Die Show, für die sich ausgerechnet die Siebzigerjahre-Ikonen von ABBA mit Hunderten von Kameras filmen ließen, soll jedenfalls unglaublich sein. Man meine, bei dem virtuellen Konzert, das seit 2022 unter dem Titel „ABBA Voyage“ in der Londoner ABBA-Arena läuft, die 3D-Animationen der „ABBAtars“ auf der Bühne anfassen zu können, versichern Augenzeugen.

Kulturpessimismus hilft hier jedenfalls nicht weiter. Positives Denken hieße, zu versuchen, die KI auch für höherwertige künstlerische Produktionen nutzbar zu machen. Das ist der Ansatz des KI-Festivals im Staatstheater Darmstadt, das noch bis zum 17. Mai läuft.

Die Mechanismen der KI-gestützten Pop-Produktion

Die Automatisierung in der Musikproduktion ist kein neues Phänomen. Bereits in den 1950er Jahren experimentierten Komponisten mit algorithmischen Kompositionen, und in den 1980er Jahren eroberten Drum Machines und Sampler den Mainstream. Doch erst die jüngste Entwicklung der künstlichen Intelligenz hat eine völlig neue Dimension erreicht. Heutige KI-Systeme wie OpenAI Jukebox, Google Magenta oder die kommerzielle Software Amper Music sind in der Lage, auf Knopfdruck vollständige Songs in jedem gewünschten Stil zu generieren. Sie trainieren auf Millionen von vorhandenen Aufnahmen und lernen so die statistischen Wahrscheinlichkeiten von Akkordfolgen, Melodiebögen, Rhythmusmustern und Klangfarben.

Die Popmusik ist dafür besonders anfällig, weil sie sich seit jeher auf wiedererkennbare Formeln stützt. Verse, Chorus, Bridge, einprägsamer Hook – dieses Grundgerüst lässt sich leicht in mathematische Modelle übersetzen. KI kann daher in Sekundenschnelle Hunderte von Variationen eines Hits entwerfen, die von menschlichen Produzenten dann nur noch feinjustiert werden müssen. Im schlimmsten Fall entsteht so eine endlose Flut von austauschbaren Singles, die alle gleich klingen und in den Playlists der Streamingdienste landen. Der Musikwissenschaftler Dr. Martin Pfleiderer von der Universität Regensburg warnt: „Wenn Algorithmen bestimmen, was gehört wird, droht eine Homogenisierung des Musikgeschmacks. Die Vielfalt leidet, und überraschende Innovationen werden seltener.“

Der Fall Blackpink und die globale Standardisierung

Die K-Pop-Industrie, zu der Blackpink gehört, ist ein Paradebeispiel für die Industrialisierung von Musik. K-Pop wird oft als „Musik aus der Fabrik“ bezeichnet, da die Entstehung eines Songs auf mehrere Spezialisten aufgeteilt ist: Songwriter, Komponisten, Choreografen, Stylisten, Videoregisseure. Jeder Schritt ist optimiert, um virale Hits zu produzieren, die in Asien und zunehmend im Westen Millionen abgreifen. Die Integration von KI beschleunigt diesen Prozess noch. So nutzen viele K-Pop-Agenturen bereits KI-gestützte Tools, um die Gesangsstimmen ihrer Idole zu verändern, Autotune in Echtzeit anzuwenden oder sogar Texte automatisch zu generieren, die auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten sind.

Das Beispiel Blackpink zeigt, wie weit die Verschmelzung von menschlicher Performance und technischer Nachbearbeitung fortgeschritten ist. Lisa, die bei der WM-Eröffnung auftreten wird, ist bekannt für ihre energiegeladenen Bühnenshows, aber ihre Stimme wird in den Studios oft mit KI-Effekten überlagert, um den typischen, glatten K-Pop-Sound zu erzeugen. Die Fans sind sich dieser Manipulation oft bewusst, akzeptieren sie aber als Teil des Genres – ähnlich wie bei EDM oder modernem Pop generell. Die Frage nach Authentizität stellt sich hier kaum noch, denn Erwartungen an Live-Gesang sind in vielen Genres ohnehin gesunken.

ABBA Voyage: Avatare auf der Bühne der Zukunft

Während Blackpink noch reale Menschen auf der Bühne hat, geht ABBA mit seiner digitalen Show einen radikalen Schritt weiter. Das Konzert ABBA Voyage, das in einer eigens errichteten Arena in London läuft, besteht vollständig aus hologrammartigen Avataren – den sogenannten ABBAtars. Die echten Mitglieder der Band, heute alle um die 70 Jahre alt, ließen sich 2021 mit hunderten Kameras in Motion-Capture-Anzügen filmen. Diese Aufnahmen wurden von der Industrial Light & Magic, dem zur Lucasfilm gehörenden Effekthaus, monatelang bearbeitet, um die Figuren so realistisch wie möglich erscheinen zu lassen. Auf der Bühne tanzen und singen die digitalen Versionen von Agnetha, Anni-Frid, Björn und Benny, während eine zehnköpfige Liveband die Musik spielt. Die Verblüffung der Zuschauer ist groß: Die Avatare sehen nicht nur perfekt aus, sie interagieren auch miteinander, bewegen sich wie echte Menschen und erzeugen eine emotionale Verbindung, die man einem digitalen Konstrukt kaum zugetraut hätte.

Der Erfolg von ABBA Voyage zeigt, dass das Publikum bereit ist, virtuelle Künstler zu akzeptieren, solange das Erlebnis mitreißend ist. Seit der Premiere im Mai 2022 wurde die Show bereits von über einer Million Menschen gesehen, und die Ticketverkäufe laufen weiterhin hervorragend. Andere Künstler ziehen nach: Die Band Gorillaz, selbst eine Cartoon-Band, hat ihre Virtualität von Anfang an kultiviert. Und immer mehr Post-Mortem-Konzerte, wie jene von Tupac Shakur, Michael Jackson oder Whitney Houston, nutzen Hologramme, um verstorbene Künstler wieder auf die Bühne zu holen. Hier wird die KI nicht nur zur Produktion von Musik, sondern auch zur Perfektionierung visueller Illusionen eingesetzt.

Auswirkungen auf die Musikindustrie und die Kreativität

Die zunehmende Nutzung von KI wirft grundlegende Fragen auf: Was bedeutet das für den Beruf des Musikers, des Songwriters, des Produzenten? Wird die menschliche Kreativität am Ende überflüssig? Einige Experten argumentieren, dass KI eher ein Werkzeug sei, das die Arbeit erleichtert und neue Horizonte eröffnet – ähnlich wie die Erfindung des Synthesizers oder des Samplers. Andere befürchten, dass die musikalische Vielfalt sinkt, weil Algorithmen nur das reproduzieren, was bereits erfolgreich war. Plattformen wie Spotify nutzen KI bereits, um Playlists zu kuratieren und Hörern vorhersehbare Songs vorzuschlagen, was zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung führen kann: Je mehr gleichartige Musik empfohlen wird, desto mehr wird sie gehört, und desto mehr wird nach diesem Muster produziert.

Dennoch gibt es auch positive Beispiele, in denen Künstler KI als kreativen Partner nutzen. Der britische Musiker Imogen Heap entwickelte eine KI, die ihr hilft, Klänge aus alltäglichen Geräuschen zu erzeugen. Der kanadische Producer Deadmau5 experimentierte mit neuronalen Netzen, um ungewöhnliche Melodien zu generieren. Und das KI-Festival in Darmstadt, das noch bis zum 17. Mai läuft, präsentiert genau diesen Ansatz: Künstler, die KI nicht als Ersatz, sondern als Erweiterung ihres kreativen Horizonts begreifen. Dort werden Performances gezeigt, bei denen Algorithmen live mit menschlichen Musikern interagieren, improvisieren und visuelle Elemente steuern. Das Ergebnis ist oft überraschend und fern von austauschbarem Pop.

Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. KI wird nicht alle Musiker ersetzen, aber sie wird diejenigen benachteiligen, die nur das Standardrepertoire beherrschen. Wie in vielen Branchen auch, müssen sich Künstler weiterentwickeln, neue Techniken lernen und ihren eigenen Stil finden, der sich von der Maschine nicht kopieren lässt. Die emotionale Tiefe, der persönliche Ausdruck, die soziale Botschaft – das sind Elemente, die eine KI schwerlich authentisch nachahmen kann. Vorerst zumindest.

Doch die Entwicklung schreitet rasant voran. In asiatischen Ländern wie Südkorea und China werden bereits vollständig KI-generierte Künstlerinnen wie K/DA (virtuelle Gruppe aus dem Spiel League of Legends) oder die japanische Hatsune Miku (eine synthetische Sängerin mit einem Hologramm) zu Superstars. Hatsune Miku hat Millionen von Fans, füllt Konzerthallen auf der ganzen Welt und ihre Songs werden von menschlichen Produzenten komponiert, aber von einer KI zum Leben erweckt. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt immer mehr. Für die Fußball-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko wird bereits über ein vollständig von KI gesteuertes Eröffnungsfestival spekuliert.

Es bleibt abzuwarten, ob die Musikindustrie diesen Weg weitergehen wird. Kritiker fordern mehr Transparenz: Wenn ein Song komplett von KI geschrieben, produziert und gesungen wurde, sollte das gekennzeichnet werden. Bislang gibt es keine gesetzliche Regelung. Die Streamingdienste haben allerdings ein Interesse daran, die Qualität zu sichern, denn zu viele gleichförmige Songs können Hörer abschrecken. Vielleicht ist es an der Zeit, dass auch die Zuhörer bewusster auswählen und nicht nur den Algorithmen folgen.

Der eingangs erwähnte Kulturpessimismus ist nicht die Lösung. Stattdessen sollten wir die Chancen der KI nutzen, aber gleichzeitig die menschliche Kreativität bewahren und fördern. Das KI-Festival in Darmstadt zeigt, wie das gelingen kann: Indem man die Technologie als Partner betrachtet, nicht als Ersatz. Die Popmusik wird sich dadurch verändern, aber vielleicht auch bereichert werden – wenn wir es zulassen.


Source: MSN News


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